Von Oslo nach Hollywood: Joachim Triers Oscar-Krönung

Stellan Skarsgård und Renate Reinsve in „Sentimental Value“ © Kasper Tuxen Andersen

Als erster norwegischer Spielfilm gewinnt das Drama „Sentimental Value“ den Oscar als Bester Internationaler Film.

Sentimental Value-Hauptdarstellerin Renate Reinsve brachte es in einer Talkshow auf den Punkt: Solange Joachim Trier Regie führt, ist sie bei allem dabei. Ich stimme ihr aus vollem Herzen zu: Jedem neuen Film von Trier fiebere ich mit Vorfreude entgegen, unabhängig davon, welche Geschichte er diesmal erzählt.

Bereits bei der Premiere in Cannes 2025 hatte „Sentimental Value“ ganze 19 Minuten lang stehende Ovationen erhalten. Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung siegte er nun mehr als verdient in der Kategorie „Best International Feature Film“. Gratulerer masse!

Nach insgesamt 9 Nominierungen ist zwar nur einer der „Goldjungen“ an das hochkarätig besetzte norwegische Drama gegangen. Filmgeschichte hat „Sentimental Value“ trotzdem geschrieben: Noch nie zuvor war ein norwegischer Spielfilm in der Kategorie Bester Internationaler Film ausgezeichnet worden. Somit ist dies auch ein historischer Sieg für das Filmland Norwegen.

In der Sanftheit liegt die Kraft

Joachim Trier macht seine Filme nach eigener Aussage für einen – wie er es beschreibt – „imaginären Freund in der Dunkelheit eines Kinosaals„. Es sind vertraute, ehrliche Gespräche, die Trier in der Kunstform ausdrückt, die er als Sohn einer Dokumentarfilmerin und eines Jazzmusikers von klein auf liebt und bewundert.

Und in diesem geschützten Film-Raum fließen Tränen, nämlich solche, die sich schön und heilsam anfühlen, das Herz reinigen und einen wieder leichter atmen lassen, sobald das Licht angeht. Während meiner Arbeit an den Filmübersetzungen für die deutsche Fassung von „Oslo, 31. August“,„Thelma“ und „The worst person in the world“ waren Taschentücher ein entsprechend unverzichtbares Arbeitsmittel.

Das Faszinierende an seinen Filmen ist, wie sanft und präzise sie das Unaussprechliche, Unsichtbare und doch Spürbare sichtbar machen. Sie projizieren individuelle Wahrnehmungen auf die kollektive Ebene einer Kinoleinwand und stoßen damit weltweit auf tiefe Resonanz. Gerade schwierige Gefühle zur Sprache zu bringen, darin sind wir nicht immer wirklich gut.

Intensives Drama über die Macht familiärer Bindungen

Die Geschichte in „Sentimental Value“ spielt zwar im gutbetuchten Osloer Villenviertel Frogner, erzählt aber von einem universellen Thema. Das Setting ist nachrangig: Überall auf der Welt fällt es uns Menschen schwer, miteinander in echten Austausch zu kommen, insbesondere innerhalb der Familie.

„Wir brauchen uns gegenseitig. Wir brauchen den anderen. Wir müssen einander zuhören. Wir schaffen das nicht alleine.“

(Joachim Trier)

Vigelandpark_Oslo_Monolith
„Menschensäule“ von Gustav Vigeland, Frognerpark (Oslo), Quelle: Daria Strategy (Unsplash)

Was also soll und muss zum Ausdruck kommen, um aus der Dysfunktionalität, unter der im Film die Familie Borg leidet, heraus- und in Verbindung hineinzufinden? Welche Verantwortung tragen die Erwachsenen? Und welchen Preis zahlen nicht selten die Kinder für das, was nicht gesagt wird?

Joachim Trier geht es in erster Linie um diese Verbindung. Nora, die ältere der beiden Schwestern in „Sentimental Value„, findet einen kreativen Weg, um die ernsthaften Gespräche der Erwachsenen zu belauschen. Sowohl als Kinder als auch später als erwachsene Frauen, sind es die Schwestern Nora und Agnes Borg, deren Sehnsucht nach Verbindung am ehesten in einer guten Beziehung zueinander resultiert. Immerhin nutzt Nora als erfolgreiche Theaterschauspielerin diese Sehnsucht auch als persönlichen Antrieb für ihre Rollen; aber das Schweigen bleibt mächtig.

Dass es letztlich die Erwachsenen sind, die die Verantwortung für die Kinder tragen, reflektiert der Film in der Tiefe. Joachim Trier, selbst zweifacher Familienvater, drückte es in seiner Oscar-Dankesrede, in Anlehnung an den afroamerikanischen Autor James Baldwin, so aus: „Alle Erwachsenen tragen die Verantwortung für alle Kinder.“

„Sentimental Value“ ist eine Koproduktion zwischen u.a. der norwegischen Filmproduktionsfirma MER Film AS und der Berliner Filmproduktion Komplizen Film und wird von Independent Filmvermarkter PLAION PICTURES in die Kinos gebracht. Insgesamt erhielt der Film Fördermittel des Norwegischen Filminstituts (NFI) in Höhe von rund 34 Mio. NOK (ca. 3,1 Mio. EUR). Die deutsche Fassung von „Sentimental Value“ entstand unter der Synchronregie von Stephan Hoffmann für das Berliner Synchronstudio CINEPHON.

Keine Ergebnisse gefunden

Die angefragte Seite konnte nicht gefunden werden. Verfeinern Sie Ihre Suche oder verwenden Sie die Navigation oben, um den Beitrag zu finden.